Tweet-Sucht: Im Sog von Dopamin und Oxytocin – Wenn Neuronen ratlos blinken

Kopfsachen
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Der Sog, den die sozialen Netzwerke ausüben, soll nicht eingebildeter Natur sein.

„Er ist, dank zweier chemischen Stoffe die unser Gehirn produziert, sehr real: Dopamin und Oxytocin“, schreibt Vanessa Dincklage.

Dopamin werde ausgeschüttet, wenn wir uns unvorhergesehenen Situationen gegenüber sehen, durch kleinteilige Informationen und bei jedem noch so kleinen Anflug von Belohnung – also ziemlich genau das, was Social Media ausmacht.

„Studien haben sogar gezeigt, dass es unter dem Einfluss von Dopamin schwieriger ist dem Verfassen eines Tweets zu widerstehen, als Zigaretten oder Alkohol.“

Oxytocin wird in dem Beitrag als „Kuschel-Stoff“ bezeichnet. Er kommt zur Ausschüttung, wenn man sich küsst oder umarmt.

„Oder auch beim Twittern. Innerhalb von 10 Minuten auf dem sozialen Netzwerk kann die ausgeschüttete Menge von Oxytocin um 13 Prozent gesteigert werden – ähnlich hoch ist der hormonelle Anstieg bei Personen an ihrem Hochzeitstag“, soweit die Hobby-Neurologin.

Ob Ursache und Wirkung in irgendeinem Zusammenhang stehen, scheint dabei zweitrangig zu sein. Hauptsache, irgendwelche Studien belegen irgendwas. In der Regel operieren die Hirnforscher mit der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT) und setzen dabei einige Probanden ein, die weit von einer repräsentativen Stichprobe entfernt sind.

Die monokausale Kleckskunde mit bunten Hirnbildern ist mittlerweile eine beliebte Allzweckwaffe in Politik, Kriminalistik, Ökonomie, Werbung und Bildung. Da tauchen sogar alte Geschlechtervorurteile wieder auf:

„Gerade das Klischee ‚emotionale Frau – rationaler Mann‘ ist wieder gut im Geschäft. So vertritt der Cambridge-Psychologe Simon Baron-Cohen unbeirrt die Position, das weibliche Gehirn sei auf emotionale Analysen und das männliche Gehirn auf das Verstehen von Systemen ausgelegt“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Felix Hasler in seinem Buch „Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ (transcript Verlag).

Ein neuronal begründeter Geschlechterwahn auf der Basis von fragwürdigen Hirndaten. Die Kognitionspsychologin Cordelia Fine spricht sogar von Neuro-Sexismus, den es in dieser Ausprägung schon im 19. Jahrhundert gab. Um Frauen von höherer Bildung und Wahlrechten fernzuhalten, wurde schon vor über 100 Jahren die Anatomie des Gehirns bemüht. Die kruden Untersuchungstechniken durch moderne Hirnscanner machen die Befunde nicht wahrer als damals.

Suche nach den Schwarzen Schwänen in der Hirnforschung

Aber irgendwie scheinen die bunten Flecken in den Tomogrammen auf Nicht-Fachleute wie eine Offenbarung zu wirken. Der Christbaum-Effekt eines blinkenden Gehirns erklärt alles und nichts. Und da ist die Suche nach den Schwarzen Schwänen erhellend.

„Der eindrücklichste Fall ist ein junger Student, der einen IQ von 126 hat, erstklassige Noten in Mathematik schreibt und sozial völlig normal ist. Jedoch hat dieser Junge so gut wie kein Gehirn. Ein MRT-Scan zeigte, dass bei diesem Studenten in der Hirnrinde lediglich eine dünne Schicht von Neuronen von vielleicht einem Millimeter Dicke festgestellt wurde. Etwa 95 Prozent seines Schädelraumes waren mit Hirnflüssigkeit gefüllt“, erläutert Hasler.

Das Gewicht des untersuchten Gehirns liegt bei 50 bis 100 Gramm. Weit entfernt von dem normalen Durchschnittsgewicht von 1,5 Kilogramm. Offensichtlich verfüge das Gehirn über ganz unglaubliche Reservekapazitäten – die nicht zwingend benötigt werden. Ähnlich wie dies auch bei Nieren- und Lebergewebe der Fall sei. Deshalb sollte man nach Ansicht von Hasler vorsichtig sein, mit einer klar definierten funktionellen Ausrichtung kortikaler Hirnareale zu arbeiten.

Die MRT-Aktivierung ist eher ein Instrument für eine beliebige, willkürliche und abenteuerliche Dateninterpretation, die kritiklos von Publizisten weitergetragen wird. So soll Einfachheit dumm machen. So belegt angeblich eine Studie der Uni Schlagmichtot, dass handschriftliches Schreiben mehr Hirnregionen aktiviert als Tippen – darunter auch solche, die für das Denken und die Erinnerung zuständig seien. Unsere Gehirne würden viel besser auf Hindernisse reagieren, als wir uns das vorstellen – etwa an Schulen oder Universitäten. Also den Lernstoff möglichst sperrig präsentieren und schon wachsen die Albert Einsteins auf den Bäumen wie Obst.

Es ist ein naiver Empirismus, der auf biologistischen und mechanistischen Annahmen beruht. Was die Neuronen wohl zu diesem einfachen Weltbild sagen? Sie blinken ratlos.

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Marshall McLuhan, Metallica und die Wiedergeburt alter Fähigkeiten in neuer Qualität

Schallplatten und die McLuhan-Tetrade
Schallplatten und die McLuhan-Tetrade

Je höher die Innovationsgeschwindigkeit ist, desto weniger altersanfällig sind frühere Lebensformen, so die überraschende Feststellung des inzwischen verstorbenen Philosophen Odo Marquard. Die moderne Wandlungsbeschleunigung würde selber in den Dienst der Langsamkeit treten. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt.

Gerade die neuesten Technologien benötigen die alten Fertigkeiten und Gewohnheiten. Unsere Arche Noah im Umgang mit der Überinformation sei eine alte Kunst: der Rückgriff aufs Mündliche. Das war schon zur Zeit des Buchdrucks so.

Renaissance von Schrift und Mündlichkeit

„Wir werden künftig mitnichten dauernd vorm Bildschirm sitzen, sondern – je mehr datenspendende Schirme flimmern – wir werden fern vom Bildschirm im kleinen oder großen Gesprächskreise mündlich jenes Wenige besprechend ermitteln, was von dieser flimmernden Datenflut wichtig und richtig ist“, schreibt Marquard in seinem überaus klugen Essay „Zukunft braucht Herkunft“.

So bleiben die schnellen Informationsmedien zähmbar und in der Reichweite der langsamen Menschen. Auch die neue Welt kommt ohne die alten Fähigkeiten nicht aus. Wie sich das bei der Mediennutzung auswirkt, hat Marshall McLuhan in seinem Modell der Tetrade skizziert:

„Es gibt vier Entwicklungsstufen. Jedes Medium löst irgendein anderes Medium ab. Das Auto löst die Kutsche als Transportmittel ab. Digitale Medien treten an die Stelle von gedruckten Medien. Beim Auto ist es aber gar keine Substitution der alten Fortbewegungsmittel, sondern man kann mit dem motorisierten Gefährt lauter Sachen machen, die mit dem Pferd nie möglich waren. Es entstehen neue Funktionen, die es vorher nicht gab“, so Jörg Blumtritt vom Slow Media-Institut.

Jedes neue Medium bringe neue Qualitäten hervor. In Blogs sei es zum Beispiel der persönliche und manchmal sehr langlebige Kontakt und Austausch zwischen Autor und Leser. Aber gleichzeitig werden bestimmte Dinge in den Hintergrund gedrängt. Im Falle von Twitter werde zum Beispiel die zeitliche Dimension der Nachrichtenproduktion und Nachrichtendistribution obsolet.

Im dritten Entwicklungsschritt passiere mit einem Medium irgendetwas, wenn man es auf die Spitze treibt. Bildschirmmedien würden beispielsweise der mündlichen Kommunikationskultur wieder Auftrieb verschaffen. Dann passiere ein Rückschlag und es folge der vierte und spannendste Entwicklungsschritt. Jedes Medium rücke verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den Vordergrund.

„Bei Twitter ist man gezwungen, sich kurz zu fassen. Das verlangt extrem viel Sprachfähigkeit. Damit die Tweets mit nur 140 Zeichen wahrgenommen werden, muss man einen aphoristischen Stil entwickeln. Das ist eine hohe Kunst“, stellt Blumtritt fest.

Die Vinyl-Revolution

Ähnliches kann man in der Industrieproduktion beobachten. So sorgt die Maker-Bewegung bei der Produktentwicklung für einen Wettbewerbsvorteil der Kulturen mit dem besten Innovationsmodell, nicht den niedrigsten Lohnkosten. Also eine Abkehr vom Mechanismus der Massenproduktion, die nur noch in Billiglohnländern stattfindet. Heute können Manufakturen mit kleiner Stückzahl punkten, die auf Co-Kreation setzen – also auf die gemeinschaftliche Entwicklung von Produkten. Beste Startbedingungen also für kleine Tüftler, die sich auf wissensbasierte und personalisierte Industrielösungen konzentrieren.

Alte Fähigkeiten sind auch bei der Wiedergeburt der Vinyl-Schallplatte gefragt. Mitten in der Moor-Niederung zwischen Bremen und Osnabrück kann sich die Firma Pallas vor Aufträgen kaum retten. Sie zählt zu den fünf verbliebenen Vinylfabriken in Europa und wird von Schallplatten-Fans als Champion der Branche angesehen. In Diepholz wurden nicht nur die alten Maschinen reaktiviert, sondern eine neue Vinylpressmaschine mit Touchscreen und Software entworfen, „die LPs mit nie gekannter Präzision herstellt“, schreibt Jost Kaiser in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Damit habe sich Pallas im hart umkämpften Ersatzteilmarkt unabhängiger gemacht. Für Bands wie Metallica bedeutet die Maschine größere Freiheit beim Rauf- und Runterfahren des Vinylausstoßes. Man sei jetzt quasi sein eigener Produzent. Vertraglich hat sich Metallica eigene Produktionskapazitäten in Diepholz gesichert. Auch Neil Young, Dire Straits, Led Zeppelin und die Foo Fighters zählen zur Pallas-Kundschaft, die ihre Werke in der Schallplatten-Königsklasse auf den Markt bringen – mit 180 Gramm schwerem Vinyl. In diesem Jahr knackt Pallas die Fünf-Millionen-Marke – CDs geraten dabei immer mehr in den Hintergrund.

Vor ein paar Jahren sah das noch ganz anders aus. Bei Mr. Music in Bonn dümpelten die Schallplatten im Untergeschoss herum. Jetzt stehen sie prominent gegenüber der Ladenkasse und verdrängen die Silberscheiben.

Die ungezähmten Ideen an der Peripherie sind der Rohstoff, aus dem morgen glänzende Markterfolge erwachsen. Die Kombination vorhandener Fähigkeiten mit neuen Technologien ist dabei eine Rezeptur, um wirtschaftlich zu überleben.

Das Thema sollten wir Ende November bei unserem offenen Konferenz-Format in Köln aufgreifen.