Tweet-Sucht: Im Sog von Dopamin und Oxytocin – Wenn Neuronen ratlos blinken

Kopfsachen
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Der Sog, den die sozialen Netzwerke ausüben, soll nicht eingebildeter Natur sein.

„Er ist, dank zweier chemischen Stoffe die unser Gehirn produziert, sehr real: Dopamin und Oxytocin“, schreibt Vanessa Dincklage.

Dopamin werde ausgeschüttet, wenn wir uns unvorhergesehenen Situationen gegenüber sehen, durch kleinteilige Informationen und bei jedem noch so kleinen Anflug von Belohnung – also ziemlich genau das, was Social Media ausmacht.

„Studien haben sogar gezeigt, dass es unter dem Einfluss von Dopamin schwieriger ist dem Verfassen eines Tweets zu widerstehen, als Zigaretten oder Alkohol.“

Oxytocin wird in dem Beitrag als „Kuschel-Stoff“ bezeichnet. Er kommt zur Ausschüttung, wenn man sich küsst oder umarmt.

„Oder auch beim Twittern. Innerhalb von 10 Minuten auf dem sozialen Netzwerk kann die ausgeschüttete Menge von Oxytocin um 13 Prozent gesteigert werden – ähnlich hoch ist der hormonelle Anstieg bei Personen an ihrem Hochzeitstag“, soweit die Hobby-Neurologin.

Ob Ursache und Wirkung in irgendeinem Zusammenhang stehen, scheint dabei zweitrangig zu sein. Hauptsache, irgendwelche Studien belegen irgendwas. In der Regel operieren die Hirnforscher mit der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT) und setzen dabei einige Probanden ein, die weit von einer repräsentativen Stichprobe entfernt sind.

Die monokausale Kleckskunde mit bunten Hirnbildern ist mittlerweile eine beliebte Allzweckwaffe in Politik, Kriminalistik, Ökonomie, Werbung und Bildung. Da tauchen sogar alte Geschlechtervorurteile wieder auf:

„Gerade das Klischee ‚emotionale Frau – rationaler Mann‘ ist wieder gut im Geschäft. So vertritt der Cambridge-Psychologe Simon Baron-Cohen unbeirrt die Position, das weibliche Gehirn sei auf emotionale Analysen und das männliche Gehirn auf das Verstehen von Systemen ausgelegt“, schreibt der Wissenschaftsjournalist Felix Hasler in seinem Buch „Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ (transcript Verlag).

Ein neuronal begründeter Geschlechterwahn auf der Basis von fragwürdigen Hirndaten. Die Kognitionspsychologin Cordelia Fine spricht sogar von Neuro-Sexismus, den es in dieser Ausprägung schon im 19. Jahrhundert gab. Um Frauen von höherer Bildung und Wahlrechten fernzuhalten, wurde schon vor über 100 Jahren die Anatomie des Gehirns bemüht. Die kruden Untersuchungstechniken durch moderne Hirnscanner machen die Befunde nicht wahrer als damals.

Suche nach den Schwarzen Schwänen in der Hirnforschung

Aber irgendwie scheinen die bunten Flecken in den Tomogrammen auf Nicht-Fachleute wie eine Offenbarung zu wirken. Der Christbaum-Effekt eines blinkenden Gehirns erklärt alles und nichts. Und da ist die Suche nach den Schwarzen Schwänen erhellend.

„Der eindrücklichste Fall ist ein junger Student, der einen IQ von 126 hat, erstklassige Noten in Mathematik schreibt und sozial völlig normal ist. Jedoch hat dieser Junge so gut wie kein Gehirn. Ein MRT-Scan zeigte, dass bei diesem Studenten in der Hirnrinde lediglich eine dünne Schicht von Neuronen von vielleicht einem Millimeter Dicke festgestellt wurde. Etwa 95 Prozent seines Schädelraumes waren mit Hirnflüssigkeit gefüllt“, erläutert Hasler.

Das Gewicht des untersuchten Gehirns liegt bei 50 bis 100 Gramm. Weit entfernt von dem normalen Durchschnittsgewicht von 1,5 Kilogramm. Offensichtlich verfüge das Gehirn über ganz unglaubliche Reservekapazitäten – die nicht zwingend benötigt werden. Ähnlich wie dies auch bei Nieren- und Lebergewebe der Fall sei. Deshalb sollte man nach Ansicht von Hasler vorsichtig sein, mit einer klar definierten funktionellen Ausrichtung kortikaler Hirnareale zu arbeiten.

Die MRT-Aktivierung ist eher ein Instrument für eine beliebige, willkürliche und abenteuerliche Dateninterpretation, die kritiklos von Publizisten weitergetragen wird. So soll Einfachheit dumm machen. So belegt angeblich eine Studie der Uni Schlagmichtot, dass handschriftliches Schreiben mehr Hirnregionen aktiviert als Tippen – darunter auch solche, die für das Denken und die Erinnerung zuständig seien. Unsere Gehirne würden viel besser auf Hindernisse reagieren, als wir uns das vorstellen – etwa an Schulen oder Universitäten. Also den Lernstoff möglichst sperrig präsentieren und schon wachsen die Albert Einsteins auf den Bäumen wie Obst.

Es ist ein naiver Empirismus, der auf biologistischen und mechanistischen Annahmen beruht. Was die Neuronen wohl zu diesem einfachen Weltbild sagen? Sie blinken ratlos.

Zur Google-Metamorphose: Blaupause für die Next Economy #Alphabet #NEO15 @netzpiloten #NotizAmt

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Presseclub leider ohne blauen Dunst wie zu Zeiten von Werner Höfer Presseclub leider ohne blauen Dunst wie zu Zeiten von Werner Höfer

Für meine neue Kolumne „Das Notiz-Amt“ bei den Netzpiloten habe ich mir nach langer Zeit wieder einmal den ARD-Presseclub angeschaut, der sich mit der neuen Holdingstruktur von Google auseinandersetzte.

Mit Marina Weisband, Mario Sixtus, Phillip Banse und Miriam Meckel war das sonntägliche Stelldichein in der Tradition von Werner Höfer auch gut und ungewöhnlich bestückt. Drei profunde Netzkenner und eine Vertreterin der klassischen Printmedien sprachen unaufgeregt über die Konsequenzen, die sich aus der Metamorphose des Suchmaschinen-Giganten ableiten lassen.

Google orientiert sich fortan an Berkshire-Hathaway-Holding des milliardenschweren Investors Warren Buffet und beendet damit das Dasein als Gemischt-Warenladen. Mit den neuen Führungsstrukturen kann man sich jetzt auf einzelne Sparten konzentrieren. Das Brot- und-Butter-Geschäft ist mit über 90 Prozent Umsatzanteil immer noch die Werbung via Adwords und Adsense. Mit dem Überbau “Alphabet” stärkt man den Glauben an das große Wachstum in den wilden…

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#GrowthHacking – Warum amerikanische Rotznasen Rabatz machen und schnell wachsen wollen #NEO15 #Uber @haucap

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Gute Gründe, um nach Bonn zu kommen Gute Gründe, um nach Bonn zu kommen

Die amerikanische Startup-Szene ist auf Wachstum gedrillt und nutzt jede Methodik, um schnell zu skalieren und Einfluss zu gewinnen. Erst später wird über Rentabilität nachgedacht. Der Wettbewerbsökonom Justus Haucap hat das gegenüber der Süddeutschen Zeitung herzerfrischend auf den Punkt gebracht. Für ihn veranschaulichen die Rotznasen des amerikanischen Fahrdienstes Uber ein strukturelles Problem: Wo es Monopole gibt, da gibt es auch Geld. Und wer Geld hat, der hat Einfluss:

„Ein Neuling aber hat nichts, der hat auch kein Gehör.“

Statt Monopol würde ich von Marktdominanz sprechen, die allerdings nicht in Stein gemeißelt ist. Das beleuchtete eine Diskussionsrunde des ARD-Presseclubs mit Marina Weisband, Mario Sixtus, Phillip Banse und Miriam Meckel über neue neue Holdingstruktur von Google. Fast alles, was der Suchmaschinen-Konzern am Start hat, sind Laborexperimente. Die Haupteinnahmen kommen über Adwords und die Vermakelung von Werbeflächen via Adsense.

„Mit dem Betriebssystem Android ist Google zwar…

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Linux-Prinzipien für die Netzökonomie – Forschungsprojekt für die #NEO15

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Hier wird das #NEO15 Plenum stattfinden Hier wird das #NEO15 Plenum stattfinden

Für die #NEO15 am 9. und 10. November sollen die Studierenden von Professor Lutz Becker, Studiendekan der Fresenius-Hochschule in Köln, ein Positionspapier erstellen, einen Workshop moderieren sowie die Ergebnisse abschließend zusammenfassen.

Fragestellung:

Ist für die Next Economy (einschließlich Industrie 4.0) eine offene, partizipative, branchenunabhängige Mehrzweck-Plattform nach Linux-Prinzipien sinnvoll und machbar?

Begleitende Fragestellungen:

Was sind Plattformen wie Uber, Facebook etc. (technisch, ökonomisch, sozial, handlungstheoretisch….)?
Welche wirtschaftliche Rolle spielen Sie?
Was macht offene und geschlossene „Welten“ aus?
Welche Rahmenbedingungen sind relevant/müssen erfüllt werden?
Wer könnte wie partizipieren?
Wie könnte man die Partizipation nach Linux, Wikipediaprinzipien organisatorisch gestalten?
Was wären die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ein solches Projekt?

Stichworte: Allmende, Gemeineigentum, Open, Commons, Next Economy, Industrie4.0, Plattformen, Plattformkapitalismus, Wikipedia, Linux, Partizipative Ökonomie, Maker, Gemeinwohl, FabLabs, Oligopole, Marktmacht, Sharing Economy

Hintergrund:

Plattformen verstehen wir als kontingenten Rahmen wirtschaftlichen Handelns. Beispiele dafür sind Buchungsplattformen im Tourismus oder Plattformen…

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Wie die liebwertesten VWL-Gichtlinge die (netz-)ökonomische Wirklichkeit ausblenden #NEO15

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Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen.

Wolfgang Kasper, emeritierter Professor für Nationalökonomie der australischen Universität New South Wales, geht mit den Protagonisten der Wirtschaftswissenschaften hart ins Gericht. Die sogenannte Neoklassik operiere mit Scheinwissen. Politische Macht und unerwartete sowie schädliche Nebeneffekte von wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden einfach wegdefiniert. Die VWL-Dünnbrettbohrer mit ihren ceteris paribus-Modellen würden fälschlicherweise Quantifizierung mit Wissenschaftlichkeit gleichsetzen. Die Modellschreiner und Makromechaniker bilden nach Ansicht von Kasper ein karriereförderndes Kartell. Lehrstuhlkandidaten, die Bürokraten und Minister-Aktivismus kritisieren, hätten nur geringe Chancen im undurchsichtigen universitären Ernennungsdickicht. So etablierten sich Professoren, die sich mit ökonometrischen Gefälligkeitsgutachten und Expertenrat in den Dienst von Politikern und Ministerien stellen. Wichtig wären Denkfabriken, Universitäten und Medien, die nicht vom Steuermäzenatentum abhängig sind.

Zudem brauche man eine Neuausrichtung der Wirtschaftswissenschaften:

„Das neoklassische Gedankengut stammt aus der Ära der Großindustrie mit Massenproduktion. Heute machen maßgeschneiderte Dienstleistungen zwei Drittel bis drei Viertel der Wirtschaftsaktivität…

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Offene, partizipative, branchenunabhängige Mehrzweck-Plattform nach Linux-Prinzipien: Forschungsarbeit zur #NEO15

Spannendes Projekt!

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#BonnerSommerInterview mit Professor Lutz Becker zur nachhaltigen Netzökonomie #BonnerSommerInterview mit Professor Lutz Becker zur nachhaltigen Netzökonomie

Professor Lutz Becker, Studiendekan der Fresenius Hochschule in Köln, wird uns mit seinen Studentinnen und Studenten wissenschaftlich begleiten.

Entwicklung von Thesen für die Next Economy Open am 9. und 10. November beispielsweise auf Basis von Experteninterviews. Vorstellung der Thesen und Moderation eines Workshops vor Ort und abschließende Zusammenfassung von beidem zu der Frage:

Ist für die Next Economy (einschließlich Industrie 4.0) eine offene, partizipative, branchenunabhängige Mehrzweck-Plattform nach Linux-Prinzipien sinnvoll und machbar?

Dazu die Fragestellungen: Was sind Plattformen? Welche wirtschaftliche Rolle spielen sie? Was macht offene und geschlossene „Welten“ aus? Welche Rahmenbedingungen sind relevant/müssen erfüllt werden? Wer könnte partizipieren? Könnte man die Partizipation nach Linux, Wikipedia-Prinzipien organisatorisch gestalten? Was wären die politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für ein solches Projekt?

Im #BonnerSommerInterview mit Professor Becker sind wir auf diese Frage schon eingegangen.

Von unserer Seite würde ich in kommenden Netzökonomie-Campus-Runde die ordnungspolitische Seite…

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Unternehmen brauchen Super-Nerds #NEO15

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Wir haben Gesprächsbedarf in Deutschland Wir haben Gesprächsbedarf in Deutschland

Mit welcher Expertise wollen eigentlich Unternehmen in Deutschland die Angriffe der digitalen Plattform-Champions aus dem Silicon Valley kontern? Über Jahrzehnte rangierte die Informationstechnologie häufig unter der Verantwortung des Finanzvorstandes als Katalysator für die Kostensenkung. Letztlich landete man im Tal der Enttäuschungen und leeren Versprechungen. Folge: Auslagerung nach Indien – neudeutsch auch Offshore-Management genannt.

Geschäftsstrategisch laufen IT-Ausgaben immer noch unter dem Regime der Controller. Geniale Nerds sucht man in den Chefetagen vergeblich. Programmierer und Entwickler werden als exotische Hoodie-Trottel verspottet.

„Die Manager der Deutschland AG sind eher durch Anpassung und Duckmäusertum an die Spitze gekommen. Da wird verwaltet, gemänätscht eben – aber nicht erobert. Es wird kostenoptimiert und gedownsized, beste Beispiele die glücklose Commerzbank und Karstadt. Hier haben die Controller das Sagen. Wilde technologische Geschäftsideen sucht man bei diesen ‚Spoiled Childs’ vergeblich“, so Michael Zachrau im ichsagmal-Interview über den Nutzen von Growth Hacking.

Die Plattformisierung der…

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Crowdsourcing the City statt Top Down-Brechstange – Käsekuchen-Diskurs über die vernetzte Stadt #nöccn #NEO15

Haus der Architektur

Sally Below und Julian Petrin sprachen im Haus der Architektur in Köln vor einiger Zeit zum Thema „Neue Medien in der Planung: Fluch und Segen“ von den Möglichkeiten der kollaborativen Wende für die Planungskultur in Städten, die das Netz bietet. Das Desaster mit Stuttgart 21 sei so etwas wie der Turning Point, so Petrin. Es gebe auch in Hamburg eine aufgeheizte Stimmung mit vielen kritischen Initiativen, die es fast unmöglich machen, nach der alten Top Down-Devise zu handeln.

Crowdsourcing the City sei ein guter Hebel, um eine neue Kultur der Beteiligung zu ermöglichen.

“Die Menschen wollen mitreden und verlangen Transparenz”, erklärt Below, die das Beispiel “Dresdner Debatte” vorstellte.

Petrin verwies auf das Projekt nexthamburg, mit dem man neue Wege in der Planungskommunkation geht. Das Social Web biete dafür die besten Voraussetzungen, weil jeder sowohl Sender als auch Empfänger sein könne. Im Gegensatz zur üblichen Gesprächskultur von Stadtverwaltungen, politischen Gremien, Verbänden, Förderkreisen und Stiftungen.

Gleiches hätte mit dem Beethoven-Festspielhaus auch in Bonn praktiziert werden müssen. Stattdessen gab es Planungsspielchen von Honoratioren der Bundesstadt an den Interessen der Bürgerschaft vorbei. Am Ende steht man nun mit leeren Händen da – fünf Jahre vor dem 250. Geburtstag des Musensohnes. Der Fall „Festspielhaus“ belegt sehr deutlich, dass Planungsprozesse immer noch durch hierarchische und lineare Ordnungsstrukturen gekennzeichnet.

Davon grenzt sich Cedric Price deutlich ab. Er war ein entschiedener Gegner der Vorstellung, Architektur wirke von oben herab in die Gesellschaft, indem sie den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben. Im 21. Jahrhundert sollte wohl der Dialog an erster Stelle stehen und nicht das Diktat. Das wollen wir in unserer netzökonomischen Käsekuchen am Haus der Architektur in Köln debattieren. Am Sonntag, ab 16 Uhr. Und Ihr könnt via Twitter mitdiskutieren unter dem Hashtag #nöccn

Oder auf die Google Plus-Seite gehen und den Frage-Button einsetzen.

Man hört, sieht und streamt sich 🙂

Siehe auch:

KÖLNER KULTURPREIS FÜR HAUS DER ARCHITEKTUR: JURY WÜRDIGT KREATIVE VERANSTALTUNGSFORMATE UND FÖRDERUNG DER BÜRGERBETEILIGUNG.

Ein ganz anderes Stadtphänomen: Nur der Vandale trägt Sandale.

Gehört auch zur offenen und vernetzten Stadt: Aufstehen und Position beziehen – Geeks sind weltoffen!

Komplexität ist nicht steuerbar – Beobachter des Zufalls sind die besten Projektmanager #pmcampber

„Katzen, Toilettenspülungen, Zahlen, das Kanzleramt, Schamhaare – all das gibt es. Aber die eine große Tüte, in die alles hineinpasst, existiert nicht“, erläutert der Philosoph Markus Gabriel.
„Katzen, Toilettenspülungen, Zahlen, das Kanzleramt, Schamhaare – all das gibt es. Aber die eine große Tüte, in die alles hineinpasst, existiert nicht“, erläutert der Philosoph Markus Gabriel.

Das dritte PM Camp Berlin widmet sich der Komplexität und ruft zu einer Blog-Parade auf. Motto: „Komplexität – reduzieren oder erhöhen?“ Schon in der Frage steckt ein kleiner Denkfehler, wenn wir uns die Wikipedia-Definition anschauen:

„Komplexität bezeichnet allgemein die Eigenschaft eines Systems oder Modells, dessen Gesamtverhalten man selbst dann nicht eindeutig beschreiben kann, wenn man vollständige Informationen über seine Einzelkomponenten und ihre Wechselwirkungen besitzt“.

Wenn das so ist, wie soll es denn möglich sein, Komplexität zu reduzieren oder zu erhöhen? Das klingt ein wenig mechanistisch nach Steuerbarkeit. Eine menschliche Schwäche. Wir suchen nach einem metaphysischen Grundprinzip, mit dem wir die Welt erklären wollen. Etwas pragmatischer geht der Bonner Philosophie Professor Markus Gabriel vor: Die Welt, die wir erblicken, ist im Wesentlichen ein Abbild unserer Konstruktionen.

„Katzen, Toilettenspülungen, Zahlen, das Kanzleramt, Schamhaare – all das gibt es. Aber die eine große Tüte, in die alles hineinpasst, existiert nicht“, erläutert Gabriel.

Um die Welt als Ganzes zu erfassen, müsse man von draußen auf sie schauen, und dieser Blick müsste auch sich selbst wahrnehmen. Da das unmöglich sei, habe sich auch die faustische Suche nach dem erledigt, was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Forschen nach einer „Weltformel“, die die Naturwissenschaftler so lieben. Besonders jene, die sich auf das Parkett der Sozialwissenschaften, Finanzmärkte oder Unternehmensberatungen wagen.

„Es hängt eben nicht alles mit allem zusammen.“

Die Welt sei mitnichten nur der Bereich der Naturwissenschaften, auch Träume, Staaten und Kunstwerke seien schließlich Teil der Welt. Sie ist allumfassend, und deshalb komme, definitionsgemäß, die Welt in der Welt nicht vor, sie habe keine Eigenschaften, sei also gar kein erkennbarer Gegenstand.

Von einem wissenschaftlichen „Weltbild“ zu sprechen oder Formeln zur Erklärung der Welt vorzulegen, sei daher eine Anmaßung. Es gebe nämlich auch „alles, was es nicht gibt“, Einbildungen zum Beispiel, alles, was eine Tatsache in der Welt ist und Gegenstand der Betrachtung werden kann. Niemand ist ernsthaft in der Lage, zu erklären, dass die Elementarteilchen objektiver, wirklicher oder tatsächlicher seien als die Gedanken, die wir uns machen, oder die Farben der Salatbar.

Wir sollten uns nicht von den Weltbild-Erklärern festnageln lassen, die sich als unantastbare Autoritäten inszenieren und uns einhämmern, was wir als „wirklich“ oder „existent“ wahrzunehmen haben. Das gilt für angeblich eineindeutige neuronale Prozesse wie für Algorithmen, die den Zufall beerdigen wollen.

Makroökonomen, Statistiker, Planungsbürokraten, Analysten und selbst ernannte Wirtschaftsexperten sind überhaupt nicht in der Lage, das Unvorhergesehene zu prognostizieren. Sie schauen zu oft in den Rückspiegel, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Friktionen, Zufälle, bahnbrechende Entdeckungen, konjunkturelle Bewegungen oder politische Katastrophen kann man nicht mit statistischen Methoden berechnen. Die meisten Kassandra-Rufer verfahren in Börsensendungen, Talkshows oder Büchern mit dem Titel „Wie ich den Crash vorgesehen habe“ nach dem Motto verfahren: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“. Es sind moderne Wanderheilige, die Rezepte gegen den drohenden Weltuntergang verkünden.

„Das Management der Zukunft findet unter den Bedingungen der Komplexität und Zufall statt. Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, schreibt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer in seinem Buch „Der kreative Zufall – Wie das Neue in die Welt kommt“.

In unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen könnten Menschen nur auf Grundlage beschränkter Rationalität entscheiden und nicht als homo oeconomicus. Der Laplacesche Geist eines linearen Managements von Menschen, Unternehmen und Märkten sei deshalb zum Scheitern verurteilt. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne.

„Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an ein ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer.

Zufall führe zu einer Ethik der Bescheidenheit. Es gebe keinen Laplaceschen Geist omnipotenter Berechenbarkeit. In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues.

„Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer.

 Politiker, Entdecker und Unternehmer sollten weniger auf Top-down-Planung setzen, sondern sich auf maximales Herumprobieren und das Erkennen der Chancen, die sich ihnen bieten, konzentrieren, rät der frühere Börsenhändler Nassim Taleb, Autor des Opus „Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“.

Die beste Strategie bestehe darin, möglichst viel auszuprobieren und möglichst viele Chancen zu ergreifen, aus denen sich Schwarze Schwäne ergeben könnten. Es ist viel wichtiger, sich mit dem Phänomen der Kontingenz auseinanderzusetzen: Am Reißbrett lässt sich die Zukunft nicht zimmern. Kontingenz heißt: Es geht auch anders – es gibt mehrere Möglichkeiten. Statt die Zeit mit dümmlichen Visionen, Strategien und Plänen zu verschwenden, sollten sich Organisationen als Beobachter des Zufalls bewähren. Gelegenheiten erkennen, statt einer Schimäre der rationalen Entscheidung hinterherzulaufen. Ein Unternehmer ist für den Ökonomen Israel Kirzner ein Häscher des Okkasionellen – ein Chancenverwerter. Occasio ist die Göttin der Gelegenheit mit einem nach vorne fallenden Haarschopf, an dem man sie zu ergreifen hat; wer diesen Augenblick verpennt, hat keine zweite Chance, denn von hinten ist die Dame kahl.

Mehr Nerd-Geist für die Wirtschaft – Matchen, Moderieren und Managen auf der Next Economy Open in Bonn #NEO15

Programmatischer Ausblick auf die #NEO15

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Digitale Entdecker gefragt Digitale Entdecker gefragt

Wer sich mit der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigt, sollte nicht nur Internet-Werkzeuge im Blick haben, sondern muss die Veränderungen betrachten, die sich aus der Logik des Netzes ableiten:

„Wirtschaft, die im Internet stattfindet, kann kaum mehr sinnvoll abgegrenzt werden von solcher, die nicht im Internet stattfindet“, so die Einschätzung von Christoph Kappes.

Digitalisierung der Landwirtschaft, Robotereinsatz in der Altenpflege oder Online-Marktplätze für Handwerker sind nur einige Phänomene, die auch traditionelle Branchen auf den Kopf stellen.

„Wenn heute jeder mit jedem online kommuniziert, Geschäfte zunehmend nicht mehr im sauerländischen Konferenzraum, sondern weltweit im Browser getätigt werden, Arbeitsplätze nach digitaler Sexyness ausgewählt werden, das Netzwissen unseren Alltag und unsere Kultur prägt, stellt sich die Frage, wie die deutschen Traditionsunternehmen in Zukunft bestehen sollen“, fragt sich der Mittelstandsexperte Marco Petracca.

Besonders in diesen Unternehmen wird nach Ansicht von Professor Peter von Mitschke-Collande unterschätzt, dass die Digitalisierung nur…

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